BildNatur

Michael Kroeger, Museum MARTa, Herford

Alle, die im Betriebssystem Kunst leben und arbeiten, spüren heute einen Wandel in Richtung Ungewissheit. Einerseits steigert sich das Wissen über die Kunst, während andererseits das Bild, das wir uns gemeinhin von der Kunst machen, inflationär verwendet wird. Die Kunst hat den Alltag geflutet, las man kürzlich in der FAZ. Doch nicht nur die Kunst und der Kunstmarkt expandieren unaufhaltsam – vor allem sind die digitalen Medien weiter auf dem Vormarsch und verändern in rasanter Weise alle Maßstäbe; der menschliche Anteil der Wahrnehmung wird immer mehr durch den technischen, digitalen ersetzt. Und inzwischen unterliegt selbst unser eigenes Sprechen über Kunst einem spürbaren Wandel; mehr denn je wird der Hunger nach Kunst heute durch das Sprechen, Vermitteln und Formulieren gestillt. Nach dem Tod des Autors in den sechziger Jahren erleben wir nun die Geburt des Betrachters.

Kunst erschließt sich heute vor allem auch durch die Art und Weise, wie ich mit Bildern in Kontakt trete, wie ich formuliere, dass ich nicht direkt über die Wirklichkeit spreche, wenn ich – wie jetzt gerade – zur Kunst spreche, sondern über meine Wahrnehmung, die sich mir eröffnet, wenn ich Bildern begegne. Kurz gesagt, geht es also nicht mehr wie noch in den neunziger Jahren um den impliziten Betrachter, sondern heute mache ich mir und damit auch Ihnen explizit, wo wir hier stehen: nämlich vor den Bildern, und wir sprechen über das, was wir hier betrachten. Ich bemühe mich, Ihnen meine Gedanken transparent zu machen, auch wenn ich nicht erwarte, dass diese Transparenz alles erklären wird. Zwischen mir und Ihnen stehen immer noch die Bilder, die ja nur zeigen,
was sie zeigen, aber die nicht davon sprechen, was mir oder Ihnen möglicherweise als irritierende Überraschung aufgefallen ist.

Bilder sind heute offensichtlich zu so etwas wie Resonanzkörpern geworden, sozusagen zu Begleitern in Welten, denen wir in der alltäglichen Wirklichkeit, außer vielleicht im Kino, nicht begegnen. Angesichts der Bilder Achim Beiers sind natürlich besonders zwei Fragen höchst aktuell: Wie äußert sich die Natur im Bild, und welche Bilder entstehen in uns, wenn wir das Wort „Natur“ in den Mund nehmen – komplexe Fragen, die ich Ihnen heute natürlich nicht annähernd erschöpfend beantworten kann.

Wer die Frage stellt, wie ein Künstler heute überhaupt noch die Natur als Bild und ins Bild setzen kann, der stellt gleichzeitig auch eine tiefer reichende Frage, nämlich: Wie kann ich Formen von Natur darstellen, indem ich Natur im Medium von Bildern darstelle? Nichts anderes unternimmt auch Achim Beier, der uns demonstriert, wie die Natur mit dem Bild und sein Bild mit der Natur in einen Dialog – und damit auch in einen Dialog mit uns selbst – tritt. Um es gleich offen zu sagen: Mir imponieren seine Bilder, da aus ihnen eher ein Suchen und Fragen zu uns spricht, denn die Behauptung einer für alle Zeiten als gesichert geltenden Position. Mit offenen Fragen kommt man meiner Meinung nach nicht nur in der Kunst weiter als mit selbstsicher vorgetragenen Antworten. Eine Frage lautet etwa: „Wie kann man es heute überhaupt noch wagen, Bilder von und Bilder in der Natur malen?“ Oder umgekehrt: „Wie lässt sich Natur in Form von Bildern denken?“ Vor zehn oder zwanzig Jahren wäre diese Frage unverständlich gewesen. Heute, in Zeiten allgemeiner Verunsicherung, kann und muss dieses ästhetische Problem zumindest formuliert werden.